Stand der inhaltlichen Prüfung: · Grundlage: Schmidt, Lang, Heckmann (Hrsg.): Physiologie des Menschen mit Pathophysiologie, Springer; allgemeine Physiologie von Darm und Verdauung (bakterielle Vergärung unverdaulicher Nahrungsbestandteile im Dickdarm, Energiegewinnung daraus, Darmnervensystem)
Im Darm lebt eine große Gemeinschaft von Bakterien, und ihre Zusammensetzung fällt bei schlankeren und schwereren Menschen im Schnitt verschieden aus. Ob die Darmflora das Gewicht formt oder umgekehrt, ist zum großen Teil offen. Gesichert ist der einfache Teil: Eine faserreiche, abwechslungsreiche Kost hält die Flora vielfältig, und dieselbe Kost lässt das Gewicht eher sinken. Wer der Flora etwas Gutes tun will, erreicht über den täglichen Teller mehr als über ein Präparat.
Zwischen Darmflora und Körpergewicht besteht ein Zusammenhang, doch er ist lockerer, als viele Überschriften nahelegen. Im Darm leben Billionen Bakterien. Ihre Zusammensetzung fällt bei jedem Menschen anders aus, und im Schnitt unterscheidet sie sich zwischen schlankeren und schwereren Menschen. Was davon Ursache ist und was Folge, bleibt zum großen Teil offen. Eine Anleitung zum Abnehmen lässt sich daraus bisher nicht ableiten.
Was ist die Darmflora?
Im Darm lebt eine große Gemeinschaft von Bakterien, die meisten davon im Dickdarm. Für sie gibt es zwei Wörter, die dasselbe meinen: Darmflora im Alltag, Mikrobiom in der Forschung. Ihre Zahl geht in die Billionen. Diese Bakterien zerlegen Reste der Nahrung, die der Dünndarm nicht aufgenommen hat, und gewinnen daraus selbst Energie schmidt-lang-physiologie. Welche Arten in welchem Verhältnis vorkommen, hängt an der Ernährung, am Alter, an der Bewegung und an manchem, das sich schwer greifen lässt. Zwei Menschen mit demselben Gewicht können darum recht verschiedene Bakterien im Darm tragen. Ganz frei von Bakterien ist der Darm nur bei der Geburt. Danach baut sich die Gemeinschaft über die ersten Lebensjahre auf und bleibt beim Erwachsenen im Kern recht stabil.
Was hat das Mikrobiom mit dem Gewicht zu tun?
Die Zusammensetzung der Darmflora hängt mit dem Gewicht zusammen, ohne es zu bestimmen. Untersuchungen finden bei schlankeren und schwereren Menschen im Schnitt eine unterschiedliche Flora. Ein Teil der Bakterien holt aus schwer verdaulicher Kost etwas mehr Energie heraus, und dieser kleine Anteil landet am Ende auch beim Körper. Daraus wurde die Idee, bestimmte Bakterien machten dick oder schlank. So einfach ist es nicht. Ob die Darmflora das Gewicht formt oder das Essen die Flora, lässt sich in einer Momentaufnahme kaum trennen. Wer viel Ballaststoffe isst, hat eine andere Flora als wer viel Zucker isst, und meist auch ein anderes Gewicht. Selbst eineiige Zwillinge tragen nicht dieselbe Flora, obwohl ihr Erbgut gleich ist. Das zeigt, wie stark Ernährung und Alltag sie prägen. Der Darm besitzt zudem ein eigenes Nervengeflecht, das Darmnervensystem, das mit dem Kopf in ständigem Austausch steht schmidt-lang-physiologie. Ob die Bakterien über diesen Weg auf Appetit und Sättigung wirken, wird erforscht und ist nicht geklärt.
Wie groß ist der Einfluss der Bakterien auf das Gewicht?
Klein genug, dass er die Ernährung nicht aufwiegt. Der zusätzliche Energiebetrag, den eine bestimmte Flora aus derselben Kost zieht, bewegt sich in Untersuchungen im Bereich weniger Prozent. Über Monate kann ein kleiner Betrag mitreden. Gegen die Menge und die Art des Essens fällt er kaum ins Gewicht. Eine Handvoll mehr oder weniger am Tag verschiebt die Bilanz stärker als der Unterschied zwischen zwei Menschen mit verschiedener Flora. Auch das ist eine Zahl aus dem Schnitt. Im Einzelfall kann sie höher oder tiefer liegen, ohne dass man es an der Waage sähe. Wer sein Gewicht auf die Bakterien schiebt, überschätzt ihren Anteil und übersieht den Teller.
Kann man mit den richtigen Bakterien abnehmen?
Nein, einen Satz Bakterien, der das Abnehmen von allein besorgt, gibt es nicht. In Versuchen mit Mäusen ließ sich mit übertragener Darmflora das Gewicht verschieben, und solche Bilder machen Hoffnung. Auf den Menschen übertragen halten sie bisher nicht, was die Schlagzeile verspricht. Was im Labor bei Tieren gelingt, ist noch kein Weg für den Alltag. Die Werbung für Pulver und Kapseln läuft der Forschung dabei weit voraus. Verlässlich ist der umgekehrte Weg: Wer faserreich und abwechslungsreich isst, schiebt seine Flora in eine günstige Richtung und isst nebenbei so, dass das Gewicht eher sinkt. Die Bakterien ziehen mit, wenn die Ernährung stimmt.
Verändert sich die Darmflora mit dem Abnehmen selbst?
Ja, wenn sich mit dem Abnehmen die Ernährung ändert, verschiebt sich die Flora mit. Wer weniger Zucker isst und mehr Pflanzenfasern, baut über einige Wochen andere Bakterien auf als zuvor. Bei manchen ändert sich das Bild schon, wenn allein das Gewicht sinkt. Die Flora folgt. Sie geht dem Abnehmen fast nie voraus, sondern zieht erst nach, wenn der Teller über Wochen ein anderer geworden ist. Darum sagt eine gemessene Flora wenig darüber, wohin jemand gehört, und mehr darüber, wie zuletzt gegessen wurde.
Ändern Antibiotika die Darmflora?
Antibiotika verändern die Darmflora deutlich, weil sie neben den gemeinten Bakterien auch einen Teil der harmlosen Bewohner treffen. Nach einer Einnahme sinkt die Vielfalt vorübergehend, und es dauert Wochen bis Monate, bis sie sich wieder aufbaut. Bei Erwachsenen erholt sich die Flora meist. Häufige Gaben in der frühen Kindheit werden mit späterem Gewicht in Zusammenhang gebracht, doch auch das ist Beobachtung und kein bewiesener Grund. Nötig verschriebene Antibiotika stehen hier nicht in Frage. Nach einer Einnahme trägt eine faserreiche Kost mehr zum Wiederaufbau bei als jedes Pulver aus dem Regal.
Bringen Probiotika aus dem Regal etwas?
Für das Abnehmen ist bei Probiotika aus dem Regal kein verlässlicher Nutzen belegt. Gemeint sind lebende Bakterien in Kapseln, Pulvern oder bestimmten Joghurts. Die Untersuchungen dazu fallen uneinheitlich aus. Mengen und Bakterienstämme unterscheiden sich von Produkt zu Produkt so stark, dass sich kaum etwas verallgemeinern lässt. Was in der einen Studie einen kleinen Ausschlag zeigt, bleibt in der nächsten aus. Für das Gewicht taugt keines davon als Abkürzung. Wer seiner Flora etwas Gutes tun will, erreicht mit dem täglichen Teller mehr als mit einer Kapsel, über Gemüse, Hülsenfrüchte und vergorene Lebensmittel wie Joghurt, Kefir oder Sauerkraut.
Was ist gesichert, was bleibt Spekulation?
Gesichert ist vor allem eines: Eine faserreiche, abwechslungsreiche Kost hält die Darmflora vielfältig, eine einseitige, faserarme Kost lässt die Vielfalt schrumpfen. Dieser Zusammenhang wiederholt sich quer durch die Untersuchungen. Wie genau die Ernährung die Flora umbaut, gehört in einen eigenen Text. Spekulativ ist fast alles, was von dort zum Gewicht führt. Dass eine geringe Vielfalt mit höherem Gewicht einhergeht, ist beobachtet, aber nicht als Ursache belegt. Dass sich über einzelne Bakterien gezielt abnehmen ließe, ist eine Hoffnung ohne festen Boden. Und dass ein Pulver die Flora in Richtung schlank verschiebt, verspricht die Werbung, während die Datenlage dazu schweigt.
Grenzen
Dieser Text beschreibt, was zwischen Darmflora und Gewicht bekannt ist und was offen bleibt. Die Forschung zum Mikrobiom ist jung. Vieles ist Zusammenhang und nicht Ursache, und manche Aussage von heute wird morgen anders lauten. Auch die Messung selbst ist heikel: Ein Test aus dem Stuhl bildet nur einen Ausschnitt ab und schwankt von Probe zu Probe. Aus einem solchen Ergebnis lässt sich für das Gewicht kein Schluss ziehen. Wir sprechen hier über Ernährung und Verdauung im Alltag. Um Kost bei einer Erkrankung geht es nicht. Anhaltende Beschwerden im Bauch, Durchfall, Blut im Stuhl oder starke Blähungen gehören ärztlich abgeklärt. Wenn eine Ärztin oder ein Arzt bei Ihnen etwas am Darm oder am Stoffwechsel festgestellt hat, gehört die Ernährung dazu in ärztliche Hände. Das gilt etwa für einen Reizdarm, eine Zöliakie, eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung oder einen Diabetes.
Unsere Einschätzung
Für die Frau, die abnehmen will, spielt das Mikrobiom eine Nebenrolle. Die Richtung, in die es zeigt, ist dieselbe, die auch sonst zählt: mehr Pflanzenfasern, weniger Zucker und Weißmehl, ein abwechslungsreicher Teller. Wer so isst, versorgt seine Darmflora und stellt zugleich die Weichen, an denen sich das Gewicht wirklich entscheidet. Der Umweg über bestimmte Bakterien verspricht eine Abkürzung, die es nicht gibt. Was am Mikrobiom sichtbar wird, ist das Ergebnis der Ernährung, nicht ihr Ersatz. Wer auf die richtige Kapsel wartet, verliert die Zeit, in der der tägliche Teller längst gewirkt hätte.
Häufige Fragen
Bringt eine Darmreinigung beim Abnehmen etwas?
Für das Abnehmen bringt eine Darmreinigung nichts. Der Darm hält sich fortlaufend selbst sauber, und ausgespülte Bakterien siedeln sich innerhalb weniger Tage wieder an, sodass von der Kur nichts bleibt. Was danach auf der Waage fehlt, ist Wasser und Darminhalt, kein Fett. Der Flora hilft ein voller Teller mehr.
Machen Süßstoffe etwas mit der Darmflora?
Möglich, aber die Lage ist unklar. Einzelne Untersuchungen deuten an, dass manche Süßstoffe die Zusammensetzung der Darmflora verschieben, andere finden nichts dergleichen. Wie stark das ausfällt und ob es fürs Gewicht zählt, bleibt offen. Wer misstrauisch ist, greift zu weniger gesüßten Getränken.
Braucht die Darmflora Joghurt oder Sauerkraut jeden Tag?
Nötig ist kein bestimmtes Lebensmittel. Vergorene Kost wie Joghurt, Kefir oder Sauerkraut bringt lebende Bakterien mit und schadet nicht. Wichtiger als das einzelne Glas ist die Vielfalt an Pflanzenfasern über die Woche. Ein bunter Teller trägt die Flora weiter als ein einzelnes Ferment.
Kann eine schlechte Darmflora das Abnehmen blockieren?
Dafür gibt es keinen Beleg. Wer über Wochen weniger Energie aufnimmt, als er verbraucht, verliert Fett, gleich wie die Flora zusammengesetzt ist. Die Bakterien verschieben die Energiebilanz allenfalls um einen kleinen Betrag. Wer stehen bleibt, sucht die Ursache besser auf dem Teller als im Darm.
Verursacht die Darmflora einen Blähbauch?
Bläht sich der Bauch nach dem Essen, sind oft Gase aus der Vergärung im Dickdarm beteiligt. Das gehört zu einem arbeitenden Darm. Ein Zeichen von Fett ist es nicht, und über den Tag schwankt es, während Bauchfett an seiner Stelle bleibt. Hält der Blähbauch über Tage an, ist er stark oder schmerzt er, gehört er ärztlich abgeklärt.
Bringt Apfelessig für die Darmflora etwas?
Fürs Abnehmen ist von Apfelessig kein verlässlicher Nutzen belegt. Diskutiert wird ein kleiner Ausschlag beim Blutzucker nach dem Essen; die Flora baut er kaum um. Als Abkürzung über den Darm taugt er nicht. Wer ihn mag, kann ihn nehmen, sollte sich davon aber nichts für das Gewicht versprechen.