Viele glauben, Trauer müsse man aktiv und ohne Pause durcharbeiten, sonst verdränge man sie. Die Forschung zeichnet ein anderes Bild: Gesunde Trauer pendelt zwischen dem Zuwenden zum Verlust und dem Zuwenden zum Alltag, und beide Seiten sind nötig. Ständige Konfrontation überfordert ebenso, wie dauerndes Vermeiden den Verlust unbearbeitet lässt. Pausen, Aufgaben und Ablenkung sind darum kein Verrat, sondern Teil des Weges. Halt geben Ruhe, Schlaf und ein Takt, der beides zulässt.
Ein hartnäckiger Gedanke begleitet viele Trauernde: Man müsse die Trauer jetzt aktiv angehen, sie durcharbeiten, jeden Schmerz zulassen, sonst schiebe man sie nur weg und zahle später dafür. Ebenso verbreitet ist das Gegenteil, das Zusammenbeißen und Weitermachen, damit die Fassung hält. Beide Haltungen treiben in ein Entweder-oder, das dem Trauern nicht gerecht wird. Die Forschung beschreibt den gesunden Weg als eine Bewegung zwischen den Polen, nicht als Entscheidung für einen davon.
Muss man Trauer ständig durcharbeiten?
Nein, dauerndes Durcharbeiten ist weder nötig noch gesund. Wer den Schmerz ohne Pause zulässt, hält den Körper in einer Anspannung, die er nicht lange trägt; irgendwann fehlen Schlaf, Kraft und der Boden für den nächsten Tag. Trauer braucht Zuwendung, aber sie braucht auch Atempausen. Genauso wenig hilft es, den Verlust dauerhaft wegzudrücken, denn was gar keinen Raum bekommt, meldet sich an anderer Stelle, in Unruhe, Erschöpfung oder schlechtem Schlaf. Der Weg liegt zwischen den beiden Rändern, im Wechsel. Der Körper braucht Abschnitte, in denen er nicht unter Hochspannung steht, sonst leiden Schlaf und Kraft, und am Ende fehlt die Kraft für das Trauern selbst. Ebenso braucht der Verlust seine Zeiten, in denen er ganz da sein darf, ohne dass man ihn gleich wieder wegräumt.
Was ist das Pendeln zwischen Verlust und Alltag?
Die Forscher Margaret Stroebe und Henk Schut haben dafür ein Bild geprägt, das viele Trauernde sofort wiedererkennen. Mal ist der Mensch dem Verlust zugewandt: Er erinnert sich, weint, sehnt sich, sortiert, was war. Mal ist er dem Alltag zugewandt: Er kümmert sich um Aufgaben, um andere Menschen, um die neue Rolle, in die er hineinwächst. Gesunde Trauer pendelt zwischen diesen beiden Seiten hin und her, und genau dieser Wechsel trägt über die Zeit. An manchen Tagen überwiegt die eine Seite, an anderen die andere, und über die Wochen verschiebt sich das Gewicht langsam vom Schmerz hin zum Alltag, ohne dass der Schmerz je ganz verschwindet. Keine Seite ist die richtige; erst das Pendeln zwischen ihnen führt Schritt für Schritt in ein Leben, das den Verlust einschließt.
Ist Ablenkung erlaubt?
Ausdrücklich ja. Das Bundesministerium für Gesundheit rät auf seinem Portal, zu trauern, aber nicht ausschließlich: sich zeitweise abzulenken, Aufgaben und Rollen wieder anzunehmen und dem Tag eine Struktur zu geben. Ein Spaziergang, die Arbeit, ein Abend mit Freunden sind kein Verrat an der verstorbenen Person, sondern die andere Hälfte des Trauerns. Wer sich das erlaubt, gibt dem Schmerz nicht weniger Raum, er teilt ihn nur ein. Viele empfinden gerade diese Erlaubnis als Erleichterung, weil sie das schlechte Gewissen nimmt, das sich bei jedem ruhigen Moment meldet.
Was, wenn ich gar nicht weinen kann oder zu gut funktioniere?
Auch das ist kein Zeichen, dass etwas nicht stimmt. Trauer sieht bei jedem anders aus: Manche weinen viel, andere kaum; manche brauchen Worte, andere Stille oder Bewegung. Wer nach außen weiter funktioniert, verdrängt nicht zwangsläufig; vielleicht trauert er gerade auf der Alltagsseite des Pendels, während die andere Seite erst später kommt. Der Verlust bricht oft erst dann auf, wenn der Betrieb der ersten Wochen nachlässt. Es gibt keine Form des Trauerns, die man erreichen müsste, damit es zählt.
Was gibt in dieser Zeit Halt?
Ein Takt, der beides zulässt, und ein Körper, der zur Ruhe kommen darf. Regelmäßiger Schlaf, Bewegung, verlässliche kleine Abläufe und Menschen, mit denen man reden kann, tragen durch die Wochen, in denen die Gefühle wechseln. Auch das Erinnern hat seinen Platz, in Ritualen, in Bildern, in Gesprächen über die verstorbene Person. Auch Bewegung an der frischen Luft, ein fester Rhythmus aus Aufstehen, Essen und Schlafen und das offene Gespräch mit vertrauten Menschen tragen mehr, als sie im ersten Moment scheinen. Eine ruhige Begleitung kann helfen, diesen Takt zu finden, wenn das Pendel in einem Rand steckenbleibt, im ständigen Schmerz oder im dauernden Funktionieren. Sie nimmt die Trauer nicht ab, sie hilft, ihr einen tragbaren Rhythmus zu geben.
Unsere Einschätzung
Die Frage, ob man Trauer bearbeiten oder ruhen lassen soll, hat eine unbequeme Antwort: beides, im Wechsel. Wer sich zwingt, ununterbrochen zu trauern, überfordert sich; wer den Verlust nur wegdrückt, verschiebt ihn. Zwischen diesen Rändern liegt ein Weg, der Schmerz und Alltag abwechseln lässt, und dieser Weg ist bei jedem anders getaktet. Sich diesen eigenen Takt zuzugestehen, nimmt einen guten Teil des Drucks, den das Umfeld und die eigenen Erwartungen sonst aufbauen. Wo das Pendel über viele Monate in einem Rand feststeckt und der Alltag nicht mehr zurückkehrt, ist das ein Grund, sich ärztliche und psychotherapeutische Hilfe zu holen.
Häufige Fragen
Verdränge ich meine Trauer, wenn ich mich ablenke?
Nein. Ablenkung und Aufgaben sind die Alltagsseite des Trauerns und gehören dazu. Problematisch wird es erst, wenn der Verlust über lange Zeit gar keinen Raum bekommt.
Ist es falsch, an manchen Tagen fast fröhlich zu sein?
Nein, gute Momente sind erlaubt und ein gesundes Zeichen. Sie bedeuten nicht, dass die verstorbene Person weniger zählt; sie zeigen, dass das Pendel sich bewegt.
Wann sollte ich mir Unterstützung suchen?
Wenn die Trauer über viele Monate unvermindert bleibt, der Alltag dauerhaft nicht zurückkehrt oder Gedanken kommen, nicht mehr weiterleben zu wollen, gehört das in ärztliche und psychotherapeutische Hände. Rund um die Uhr und kostenlos erreichbar ist die Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111.