Stand der inhaltlichen Prüfung: · Grundlage: Allgemeine Verhaltens- und Emotionsforschung zu Scham und Schuld (Scham als Bewertung der ganzen Person, Schuld als Bewertung einer Handlung) und zum Vermeidungsverhalten; abgrenzend die Zeichen, die eine ärztliche und psychotherapeutische Abklärung erfordern; keine gerätebezogenen Studien
Scham über den eigenen Körper macht das Abnehmen schwer, weil sie zum Rückzug drängt, gerade dort, wo man hinsehen und dranbleiben müsste. Sie gilt dem ganzen Menschen, und daraus folgen drei Bewegungen: Man weicht dem aus, was an den Körper erinnert, man hält das Vorhaben geheim, und ein einzelner Rückschlag reißt gleich das Ganze mit. Anders als ein schlechtes Gewissen, das auf eine Tat zeigt, gilt Scham der Person und drängt eher dazu, sich abzuwenden, statt einen weiterzubringen. Meist ist das ein Alltagsmuster; wo Scham in ein gestörtes Essverhalten oder eine anhaltende Niedergeschlagenheit übergeht, gehört das in ärztliche und psychotherapeutische Hände.
Scham sorgt dafür, dass man den eigenen Körper nicht ansieht, und wer nicht hinsieht, verändert schwer. Sie zeigt sich am Vermeiden. Die Waage bleibt im Schrank, der Sport findet nicht vor anderen statt, der Termin wird noch einmal verschoben. Diese Bewegung ist Rückzug. Abnehmen verlangt das Gegenteil: hinsehen, sich zeigen, dranbleiben. Bei jedem dieser Schritte rät die Scham ab.
Warum steht Scham beim Abnehmen im Weg?
Scham steht im Weg, weil sie zum Rückzug drängt, wo Abnehmen ein Hinsehen und ein Dranbleiben verlangt. Sie gilt dem ganzen Menschen, dem Körper, den man hat, und dem Bild, das man von sich trägt. Aus ihr folgen drei Bewegungen, die alle vom Ziel wegführen. Man weicht dem aus, was an den Körper erinnert. Man verbirgt, dass man überhaupt etwas versucht. Und ein einzelner Rückschlag wiegt so schwer, dass er das ganze Vorhaben mitreißt. Keine dieser Bewegungen wird beschlossen. Sie laufen von selbst, oft bevor ein Gedanke dazwischenkommt. Deshalb bringt der Vorsatz, vernünftiger zu sein, hier wenig. Der Vorsatz sitzt im Kopf. Die Scham sitzt darunter und ist schneller.
Was unterscheidet Scham von einem schlechten Gewissen?
Ein schlechtes Gewissen richtet sich auf eine Tat, während Scham den ganzen Menschen meint, und dieser Abstand ist der ganze Unterschied. Wer ein schlechtes Gewissen hat, denkt: Das war zu viel, das lasse ich das nächste Mal. Der Satz zeigt auf ein Verhalten, und ein Verhalten lässt sich beim nächsten Mal anders wählen. Scham ist kein schlechtes Gewissen. Sie sagt: So, wie ich bin, stimmt etwas nicht. Damit zeigt sie auf nichts, was sich bis zum Abend ändern ließe, denn den ganzen Menschen kann man nicht so einfach korrigieren. Ein schlechtes Gewissen kann in eine andere Wahl münden, während Scham eher dazu führt, dass man sich abwendet und die Sache nicht mehr ansieht. Deshalb ist es die Scham und weniger das Gewissen, die das Abnehmen aufhält.
Warum führt Scham zu Vermeidung?
Scham lässt einen dem ausweichen, was an den Körper erinnert, und vieles davon würde man zum Abnehmen brauchen. Die Waage bleibt ungenutzt, weil die Zahl sich wie ein Urteil anfühlt. Der Spiegel wird zum schnellen Blick, der nirgends verweilt. Sport im Studio, im Schwimmbad, im Park fällt aus, weil man sich beobachtet glaubt. Der Gang zur Ärztin wird verschoben, gerade wenn das Gewicht zur Sprache kommen könnte. Und Kleidung kauft man ungern, weil die Kabine jedes Mal dieselbe Frage stellt. Jede dieser Vermeidungen ist für sich verständlich. Zusammen nehmen sie einem die Mittel aus der Hand, mit denen man sonst sähe, wo man steht und was sich bewegt. Man weiß dann wenig über den eigenen Körper. Und was man nicht ansieht, kann man kaum steuern.
Warum wird aus einem Ausrutscher ein Aufgeben?
Ein einzelner Ausrutscher wird zum Aufgeben, weil die Scham ihn zum Beweis erklärt. Ein Keks am Abend ist ein Keks am Abend. Durch die Scham wird daraus ein Satz über die Person: Ich schaffe es nie, ich bin eben so. Ist der Mensch selbst das Problem, gibt es nichts mehr zu ändern, und das Vorhaben verliert seinen Sinn. So kippt ein kleiner Moment den ganzen Tag, und der Tag oft die Woche. Wer nur einen Fehltritt gemacht hätte, machte am nächsten Morgen weiter. Wer sich für den Fehltritt verurteilt, sieht keinen nächsten Morgen mehr, an dem es sich lohnte. Das Alles-oder-nichts hat mit Härte wenig zu tun. Es folgt daraus, dass Scham ein einzelnes Verhalten in ein Urteil über den ganzen Menschen verwandelt.
Warum lässt Scham das Abnehmen heimlich werden?
Scham macht aus dem Abnehmen eine heimliche Sache, und die Heimlichkeit nimmt einem die Hilfe des Umfelds. Wer sich für den Körper schämt, spricht das Vorhaben oft nicht aus. Einen Versuch, von dem niemand weiß, sieht auch niemand scheitern, und darin liegt der Grund für das Schweigen. Zugleich verschwindet mit dem Schweigen die Unterstützung. Niemand richtet Rücksicht ein, niemand fragt nach, niemand hält mit. Auch das Essen zieht sich ins Verborgene. Manches wird gegessen, wenn keiner zusieht, und was ohne Zeugen geschieht, bemerkt man selbst schlechter. So trägt man die Sache allein, und allein ist sie schwerer. Die Scham schützt vor den Blicken der anderen und schneidet zugleich von dem ab, was tragen würde.
Woher kommt die Scham über den eigenen Körper?
Scham über den eigenen Körper wächst selten von innen allein, sie hat Zuträger. Am Anfang stehen oft Sätze von außen, im Elternhaus, in der Schule, später am Arbeitsplatz. Manche sind offen abwertend, viele kommen als Sorge daher, als gut gemeinter Rat zum Gewicht, und gerade der bleibt haften. Dazu kommt der ständige Vergleich mit Körpern, die in der Werbung und in den Netzwerken makellos aussehen und mit dem eigenen Alltag wenig zu tun haben. Auch Räume, in denen das Gewicht regelmäßig zur Sprache kommt, prägen mit, ohne dass es jemand böse meint. Über die Jahre wird aus vielen solchen Momenten ein Blick, mit dem man sich selbst ansieht: prüfend, streng, von außen. Dieser Blick fühlt sich an wie die eigene Stimme, ist aber eine geliehene. Das erklärt, warum Scham so zäh sitzt. Sie wurde lange eingeübt, und Eingeübtes weicht keinem Vorsatz.
Grenzen
Dieser Text beschreibt, wie Scham das Abnehmen erschwert. Er nimmt die Scham nicht weg, denn zu verstehen, wie ein Gefühl arbeitet, heißt noch nicht, es anders zu fühlen. Er ist keine Anleitung, die Scham loszuwerden, und er sagt nicht, warum ein einzelner Mensch so viel oder so wenig davon trägt, denn das hängt an der eigenen Geschichte. Manche Scham ist mit Aufmerksamkeit und Zeit erreichbar. Andere sitzt tiefer und braucht fachliche Begleitung. Wo die Grenze verläuft, zeigt der eigene Verlauf, und wo es nötig wird, eine fachkundige Einschätzung.
Unsere Einschätzung
Für die Frau, die abnehmen will, ist die Scham eine der Kräfte, die am wenigsten besprochen werden und am meisten im Weg stehen. Ein Ernährungsplan kann durchdacht sein und trotzdem nicht greifen, wenn die Scham bei jedem Schritt zum Rückzug rät: bei der Waage, im Spiegel, im Studio, beim Termin. Diese Ausweichbewegungen erklärt kein Plan. Ob von einer Veränderung etwas bleibt, entscheidet sich hier, unterhalb der Vorsätze, und die Scham gehört zu dem, was mitentscheidet, ohne dass man sie sieht. Die Scham liegt am anderen Ende: kaum greifbar, selten benannt, und doch näher an der Frage, ob ein Vorhaben trägt oder nach ein paar Wochen wieder verschwindet. Sie zu verstehen, nimmt sie nicht weg. Es erklärt aber, woran ein guter Plan an vielen Tagen scheitert.
Häufige Fragen
Ist Scham nicht auch ein Antrieb, sich zusammenzunehmen?
Das wird oft angenommen und trägt selten. Was antreiben kann, ist ein schlechtes Gewissen über eine einzelne Handlung, weil es auf etwas zeigt, das sich ändern lässt. Scham zeigt auf die Person und drängt eher dazu, sich abzuwenden und die Sache aus dem Blick zu nehmen. Kurz mag sie einen Ruck geben. Über Wochen wirkt sie in die andere Richtung.
Muss ich die Scham erst loswerden, bevor ich abnehmen kann?
Nein, das eine wartet nicht auf das andere. Abläufe und Umgebung lassen sich umstellen, während die Scham noch da ist. Man braucht sich nicht erst wohl im eigenen Körper zu fühlen, um die Schale vom Tisch zu räumen oder einen festen Ablauf einzurichten. Die Scham macht manche Schritte schwerer, sie verbietet sie nicht.
Warum schäme ich mich mehr, gerade wenn ich abnehmen will?
Weil der Vorsatz den Blick auf den Körper schärft. Wer sich vornimmt, etwas zu ändern, sieht genauer hin, misst, vergleicht, und jeder Blick ist eine Gelegenheit zur Scham. So kann das Vorhaben das Gefühl zunächst verstärken, das es mildern sollte. Das Muster ist bekannt und folgt aus dem schärferen Blick.
Ist Scham über den Körper ein Zeichen für eine Erkrankung?
Für sich genommen nicht. Ein Unbehagen mit dem eigenen Körper kennen viele Menschen, und meist bleibt es ein Alltagsgefühl. Anders wird es, wenn Scham das Essen außer Kontrolle bringt, wenn Essanfälle, Heimlichkeit oder ein Hungern gegen den Körper dazukommen oder eine Niedergeschlagenheit nicht mehr weicht. Solche Zeichen gehören in ärztliche und psychotherapeutische Hände, und das klärt kein Text.
Was ändert sich, wenn ich den Unterschied zwischen Scham und schlechtem Gewissen kenne?
Man ordnet einen Rückschlag anders ein. Ein schlechtes Gewissen bleibt beim Keks, während Scham auf die ganze Person zielt. Wer beim nächsten Ausrutscher bemerkt, welches der beiden Gefühle gerade spricht, hält den Moment eher für ein Ereignis als für ein Urteil. Das ändert die Scham nicht, aber es hält den einzelnen Abend davon ab, gleich das ganze Vorhaben mitzunehmen.