Stand der inhaltlichen Prüfung: · Grundlage: Schmidt, Lang, Heckmann (Hrsg.): Physiologie des Menschen mit Pathophysiologie, Springer, Kapitel Atmung (Gasaustausch, Sauerstoffbindung und Kohlendioxid) sowie Herz-Kreislauf-System (Zwerchfell und Atemmechanik)
Schneller oder tiefer zu atmen bringt kaum zusätzlichen Sauerstoff ins Blut, denn das Blut ist schon bei ruhiger Atmung fast voll damit beladen. Über die Abgabe ins Gewebe entscheidet ein anderer Stoff: Ein gewisser Kohlendioxid-Gehalt lockert die Bindung des Sauerstoffs und lässt ihn dort austreten, wo er gebraucht wird. Wer über längere Zeit sehr schnell und tief atmet, wäscht Kohlendioxid aus und erschwert damit die Abgabe, worauf Schwindel oder ein Kribbeln in den Fingern folgen können. Ruhige Atmung durch die Nase hält dieses Gleichgewicht und damit die Sauerstoffabgabe stabil. Mehr Luft ist also nicht gleich mehr Sauerstoff im Gewebe.
Wer schneller und tiefer atmet, bekommt nicht automatisch mehr Sauerstoff dorthin, wo der Körper ihn braucht. Das klingt verkehrt, weil sich mehr Luft nach mehr Sauerstoff anfühlt. Im Blut ist der Sauerstoff bei ruhiger Atmung aber schon fast vollständig aufgenommen. Viel mehr passt kaum hinein. Der Engpass liegt nicht beim Einatmen, sondern bei der Abgabe an das Gewebe. Und dafür braucht der Körper einen Stoff, den viele für bloßes Abgas halten: Kohlendioxid.
Warum ist das Blut schon bei ruhiger Atmung fast voll mit Sauerstoff?
Schon bei ruhigen Atemzügen nimmt das Blut in der Lunge fast so viel Sauerstoff auf, wie es überhaupt tragen kann. Der Sauerstoff reist im Blut gebunden an einen roten Farbstoff in den Blutkörperchen, das Hämoglobin schmidt-lang-physiologie. Dieser Farbstoff füllt sich in der Lunge fast bis zum Rand; bei ruhiger Atmung sind rund siebenundneunzig von hundert Plätzen belegt. Schneller oder tiefer zu atmen füllt nur die letzten paar Plätze. Deshalb steigt die Sauerstoffmenge im Blut kaum, wenn man mehr Luft holt. Das Blut ist schlicht schon versorgt. Man kann einen fast vollen Krug nicht durch schnelleres Eingießen voller machen. Wer sich beim Atmen anstrengt, um die Versorgung zu heben, arbeitet an der falschen Stelle.
Was entscheidet, ob der Sauerstoff ins Gewebe übergeht?
Über den Übertritt in das Gewebe entscheidet vor allem, wie viel Kohlendioxid im Blut steht. Kohlendioxid entsteht überall dort, wo Zellen arbeiten und Energie verbrauchen schmidt-lang-physiologie. Wo viel davon anfällt, wird die Umgebung ein wenig saurer, und genau dann lockert der rote Farbstoff seinen Griff und lässt den Sauerstoff frei. So landet der Sauerstoff dort, wo gerade gearbeitet wird, im tätigen Muskel reichlich, im ruhenden weniger. Kohlendioxid wirkt hier wie ein Signal: Es zeigt an, wo Sauerstoff gebraucht wird, und stößt die Abgabe an. Ein gewisser Grundgehalt muss dafür im Blut bleiben. Fällt er zu weit ab, hält der Farbstoff den Sauerstoff fester und lässt weniger davon ins Gewebe übertreten. Der Stoff, den man für ein Abgas hält, ist damit der Schlüssel, der die Tür zum Gewebe öffnet.
Warum treibt Kohlendioxid auch den Atemreiz an?
Der Drang, wieder Luft zu holen, entsteht vor allem, wenn das Kohlendioxid im Blut ansteigt. Auf einen sinkenden Sauerstoffgehalt reagiert der Körper erst viel später und schwächer schmidt-lang-physiologie. Wer die Luft anhält, spürt deshalb schon nach kurzer Zeit einen kräftigen Drang zu atmen, lange bevor der Sauerstoff wirklich knapp wird. Dieser Drang ist das Steigen des Kohlendioxids, das sich meldet. Er schützt, lange bevor die Speicher wirklich knapp werden. Wer das weiß, versteht auch, warum sehr schnelles Atmen kurz täuschen kann: Ist das Kohlendioxid einmal ausgewaschen, fällt der Atemdrang für eine Weile weg, obwohl das Gewebe nichts gewonnen hat.
Warum macht sehr schnelles, tiefes Atmen manchmal schwindelig?
Wer über einige Minuten sehr schnell und tief atmet, wäscht Kohlendioxid aus dem Blut, und das kann schwindelig machen. Mit jedem kräftigen Ausatmen verlässt mehr Kohlendioxid den Körper, als in der Zeit nachgebildet wird. Sinkt der Gehalt zu tief, hält der rote Farbstoff den Sauerstoff fester, und die Gefäße, die zum Kopf führen, stellen sich etwas enger. Beides zusammen bringt für einen Moment weniger Sauerstoff ins Kopfgewebe, und einem wird leicht flau. Dazu kommt oft ein Kribbeln in den Fingern oder um den Mund. Das ist ein bekanntes körperliches Phänomen und keine eigene Erkrankung; es klingt von selbst ab, sobald die Atmung wieder ruhig wird. Der Körper zeigt damit, dass mehr Luft eben nicht mehr Versorgung heißt. Am schnellsten legt sich das Gefühl, wenn man langsamer und flacher weiteratmet, bis das Kohlendioxid wieder steigt.
Was geschieht mit dem Sauerstoff, den das Blut nicht abgibt?
Ein großer Teil des Sauerstoffs bleibt im Blut gebunden und kehrt ungenutzt zur Lunge zurück. Selbst in Ruhe gibt das Blut nur einen Bruchteil seiner Ladung ins Gewebe ab; der Rest bleibt als Vorrat an den Farbstoff geheftet schmidt-lang-physiologie. Dieser Vorrat wirkt wie eine Reserve, die bei Anstrengung rasch abgerufen wird. Steigt der Bedarf, etwa beim Treppensteigen, fällt mehr Kohlendioxid an, und der Farbstoff gibt entsprechend mehr Sauerstoff ab. So passt sich die Abgabe dem an, was gerade gebraucht wird. Deshalb braucht der Körper in Ruhe wenig Luft; die volle Ladung wartet ohnehin, bis sie gefragt ist. Selbst das Blut, das aus dem ruhenden Gewebe zur Lunge zurückkommt, trägt noch reichlich Sauerstoff. Bei ruhiger Atmung läuft der Körper nicht Gefahr, zu wenig zu bekommen.
Lässt sich die Sauerstoffabgabe mit dem Atem gezielt steuern?
Steuern lässt sich die Abgabe nur mittelbar, über das Gleichgewicht des Kohlendioxids. Erzwingen kann man sie nicht. Wer ruhig und im eigenen Takt atmet, hält den Grundgehalt stabil, und die Abgabe läuft, wie sie soll. Wer dagegen mit Absicht viel und schnell atmet, verschiebt das Gleichgewicht in die ungünstige Richtung. Der Körper regelt den Atem ohnehin selbst, Atemzug für Atemzug, nach dem, was er gerade braucht. Eingreifen heißt hier vor allem, ihm nicht in die Quere zu kommen. Ein ruhiger, gleichmäßiger Atem durch die Nase genügt, damit das Gleichgewicht von allein steht.
Warum fühlt sich schnelles Atmen trotzdem nach mehr Luft an?
Schnelles Atmen fühlt sich großzügig an, weil viel Luft strömt, doch das Gefühl sagt wenig über die Versorgung im Gewebe. Was man spürt, ist die Bewegung von Brustkorb und Luft; wie viel Sauerstoff eine Zelle erreicht, meldet das Gefühl nicht. Gerade nach kräftigem Durchatmen kann einem leicht schwindelig werden, obwohl die Lunge gut gefüllt ist. Das Empfinden und die tatsächliche Abgabe laufen hier auseinander. Ruhige Atmung fühlt sich nach wenig an und versorgt das Gewebe doch verlässlich, weil das Gleichgewicht der Stoffe stimmt. Genau darin steckt die Täuschung: Wer sich schlecht versorgt fühlt und deshalb noch kräftiger atmet, treibt das Gleichgewicht weiter weg. Der Weg zurück führt über ruhigeres, sparsameres Atmen.
Was hat das Zwerchfell mit ruhiger Atmung zu tun?
Ruhige, gleichmäßige Atemzüge entstehen vor allem im Bauch, getragen von einem großen Muskel unter der Lunge. Dieser Muskel ist das Zwerchfell; beim Einatmen tritt es nach unten, der Bauch wölbt sich leicht, und die Lunge füllt sich von unten her schmidt-lang-physiologie. Diese Bauchatmung läuft langsamer und braucht weniger Züge als eine Atmung, die hoch in der Brust sitzt. Weniger Züge halten den Kohlendioxid-Gehalt eher im Gleichgewicht. Zieht sich die Atmung dagegen in die oberen Rippen zurück, wird sie schneller und flacher, und man neigt dazu, zu viel zu atmen. Das Zwerchfell ist damit der Muskel, der eine ruhige Atmung überhaupt trägt. Es arbeitet den ganzen Tag von allein, ohne dass man daran denkt.
Woran erkennt man flache Atmung im Alltag?
Flache Atmung sitzt hoch in der Brust, geht schnell und wird bei Anspannung fast unmerklich. Man erkennt sie daran, dass sich die Schultern heben, während der Bauch still bleibt. Oft läuft sie über den Mund und in kurzen, häufigen Zügen. Am Schreibtisch, beim Blick aufs Telefon oder unter Druck rutscht die Atmung leicht in dieses Muster. Das ist nichts Ungewöhnliches und schwankt über den Tag. Wer den Atem wieder durch die Nase und in den Bauch lenkt, macht ihn von allein langsamer und gleichmäßiger. Ein fester Griff dazu ist nicht nötig; es reicht, die Atmung ab und zu zu bemerken. Schon ein paar bewusste Züge in den Bauch schieben das Muster für eine Weile zurück. Auch die Haltung spielt mit: Wer zusammengesunken sitzt, lässt dem Bauch wenig Raum, und die Atmung rutscht nach oben in die Brust. Ein aufrechter Sitz gibt dem Zwerchfell wieder Platz, und der Atem sinkt von selbst tiefer.
Grenzen
Ruhige Atmung ordnet den Atem und beruhigt. Wer plötzlich schlecht Luft bekommt, wer über Tage kurzatmig bleibt oder wem beim Atmen die Brust eng wird, sollte das ärztlich abklären lassen.
Unsere Einschätzung
Die Atmung ist die direkteste Stellschraube am Nervensystem, und das macht sie beim Abnehmen interessanter, als sie zunächst wirkt. Über den Atem lässt sich der Zustand zwischen Anspannung und Ruhe verschieben. Und dieser Zustand greift in den Alltag ein: in den Hunger, in das Verlangen zwischendurch, in die Art, wie der Körper Reserven festhält. Ruhige Atmung verändert kein Fettpolster, und das soll sie auch nicht. Sie setzt eine Ebene früher an, dort, wo sich entscheidet, wie angespannt jemand durch den Tag geht. Das schnell Sichtbare an der Tür entscheidet über den Weg am wenigsten; die Atmung sitzt weit oben, wo sich vieles andere erst einregelt. Wer verstehen will, wie dieser Zustand gesteuert wird, kommt von hier zum Zusammenspiel von Anspannung und Ruhe im Nervensystem.
Häufige Fragen
Bringt bewusstes tiefes Durchatmen mehr Sauerstoff ins Blut?
Kaum. Das Blut ist bei ruhiger Atmung schon fast voll mit Sauerstoff beladen, und ein tiefer Atemzug füllt nur die wenigen freien Plätze. An der Menge im Blut ändert das wenig. Ruhiger wird man davon trotzdem, weil langsames Atmen den Körper herunterfährt.
Sollte man langsamer atmen, um das Gewebe besser zu versorgen?
Ruhiges, langsames Atmen hält den Kohlendioxid-Gehalt im Gleichgewicht, und das stützt die Abgabe des Sauerstoffs ins Gewebe. Ein starres Tempo braucht es dafür nicht. Es genügt, nicht gegen den eigenen Bedarf anzuatmen und die Nase arbeiten zu lassen.
Ist schnelles Atmen beim Sport schädlich?
Nein, unter Anstrengung ist schnelles Atmen richtig, weil die arbeitenden Muskeln viel Kohlendioxid bilden und der Bedarf steigt. Der Körper gleicht Zufuhr und Verbrauch dabei von selbst aus. Ungünstig wird schnelles, tiefes Atmen erst in Ruhe, wenn kein erhöhter Bedarf dahintersteht.
Warum tut Atmen durch die Nase gut?
Durch die Nase strömt die Luft langsamer und in kleineren Mengen, wodurch die Atmung ruhiger und gleichmäßiger wird. Das hält den Kohlendioxid-Gehalt eher im Gleichgewicht als hastiges Atmen durch den Mund. Nebenbei wärmt und befeuchtet die Nase die Luft.
Woher kommt das Kribbeln, wenn man schnell atmet?
Das Kribbeln in Fingern oder um den Mund entsteht, weil zu viel Kohlendioxid aus dem Blut ausgewaschen wird. Der Sauerstoff wird dann schlechter ins Gewebe abgegeben, und der Körper meldet das über dieses Gefühl. Es verschwindet von selbst, sobald die Atmung ruhiger wird.