Stand der inhaltlichen Prüfung: · Grundlage: Schmidt, Lang, Heckmann (Hrsg.): Physiologie des Menschen mit Pathophysiologie, Springer, Kapitel Atmung (Atemantrieb über das Kohlendioxid, Gasaustausch, Säure-Basen-Haushalt)
Der Reiz zu atmen kommt vom steigenden Kohlendioxid im Blut und kaum je vom Sauerstoffmangel: Fällt mehr Kohlendioxid an, wird das Blut ein wenig saurer, und der Körper atmet tiefer und schneller. CO2-Toleranz beschreibt grob, wie gut jemand einen leichten Anstieg dieses Werts aushält, ohne flach und unruhig zu atmen. Wer unter Anspannung schnell atmet, bläst zu viel Kohlendioxid aus und spürt dann Kribbeln, Schwindel oder innere Unruhe, was von selbst vergeht. Ruhiges, langsames Atmen durch die Nase lässt sich als Übung für Entspannung und Konzentration trainieren. Die CO2-Toleranz ist kein Maß für Gesundheit.
Halten Sie die Luft an, meldet sich nach einer halben Minute ein Drang, der von Sekunde zu Sekunde lauter wird. Die meisten halten ihn für Sauerstoffnot. Er ist etwas anderes. Im Blut sammelt sich Kohlendioxid an, und dieser Anstieg treibt die Atmung, nicht der sinkende Sauerstoff schmidt-lang-physiologie. Der Körper misst laufend, wie viel davon anfällt, und stellt danach ein, wie tief und wie schnell Sie atmen. Wie früh dieser Drang bei einem kleinen Anstieg schon zieht, fällt von Mensch zu Mensch verschieden aus. Um diesen Unterschied geht es, wenn von CO2-Toleranz die Rede ist.
Woher kommt der Drang zu atmen?
Der Drang entsteht, wenn das Blut ein wenig saurer wird, und das geschieht, sobald sich Kohlendioxid darin ansammelt schmidt-lang-physiologie. Jede Zelle gibt es ab, Tag und Nacht, als Rest ihrer Arbeit. Das Blut nimmt es auf und trägt es zur Lunge, wo es mit dem Ausatmen entweicht. Solange Sie ruhig sitzen, halten sich die anfallende und die ausgeatmete Menge die Waage. Steigt der Verbrauch, etwa beim Treppensteigen, fällt mehr an, das Blut wird ein wenig saurer, und Fühler im Körper melden das weiter. Die Atmung wird tiefer und schneller, bis das Zuviel wieder heraus ist. Sinkt die Menge unter das gewohnte Maß, lässt der Drang nach, und die Atmung wird flach und langsam. Der Sauerstoff spielt in diesem Regelkreis die zweite Rolle. Er wird erst zum Auslöser, wenn er stark abfällt, und das kommt im Alltag selten vor.
Wie oft atmet ein Mensch in Ruhe?
In Ruhe atmet ein Erwachsener etwa zwölf- bis sechzehnmal in der Minute, ohne darüber nachzudenken schmidt-lang-physiologie. Jeder Atemzug bewegt dabei rund einen halben Liter Luft. Bei Anstrengung wird der einzelne Zug tiefer und die Zahl höher; in tiefer Ruhe kehrt beides zum kleinen Maß zurück. Der Körper stellt Tiefe und Zahl der Züge von selbst so ein, dass der Kohlendioxid-Wert im Blut gleich bleibt. Beim Sprechen, beim Gehen, beim Treppensteigen steigt die Zahl, und in der Ruhe sinkt sie wieder. Ein Mensch, der gelöst ist, atmet meist langsamer und tiefer als einer, der unter Druck steht. Dieser Takt läuft ohne Ihr Zutun, wie der Herzschlag. Sie merken ihn erst, wenn Sie ihn steuern wollen, und genau dann lässt er sich auch verstellen.
Was macht das Kohlendioxid im Blut, außer dass es hinausmuss?
Es hält den Säurewert des Blutes im Gleichgewicht und gibt der Atmung ihren Takt. Man denkt bei Kohlendioxid zuerst an Abgas, an etwas, das nur wegmuss. So einfach ist es nicht. Ein bestimmter Anteil muss im Blut bleiben, damit der Säurewert stimmt und die Fühler ein verlässliches Signal bekommen. Atmen Sie eine Weile mehr, als der Körper gerade braucht, sinkt dieser Anteil unter das gewohnte Maß. Das Blut wird dann kurz weniger sauer, und das spürt man: ein leichtes Kribbeln, ein Schwindel, manchmal ein Druck im Kopf. Der Körper gleicht das binnen Minuten wieder aus, sobald die Atmung sich beruhigt. Umgekehrt staut sich der Anteil ein wenig, wenn Sie die Luft anhalten, und der Drang zu atmen wächst. In beide Richtungen bleibt die Spanne, die der Körper zulässt, überraschend eng. Kohlendioxid ist also mehr als ein Rest, den man loswird. Es ist der Wert, an dem die Atmung sich ausrichtet.
Was bedeutet CO2-Toleranz?
CO2-Toleranz beschreibt grob, wie gut jemand einen leichten Anstieg des Kohlendioxids aushält, ohne unruhig zu atmen. Zwei Menschen mit demselben Anstieg reagieren verschieden. Der eine bleibt ruhig und atmet langsam weiter, der andere spürt schnell einen Lufthunger und beginnt zu hecheln. In einer Zahl ablesen lässt sich das nicht. Es bleibt eine grobe Beschreibung, wie empfindlich der Atemdrang anspringt. Wer ihn früh und heftig spürt, atmet über den Tag eher viel und flach. Wer ihn später spürt, dem fällt ruhiges, tiefes Atmen leichter. Wo dieser Punkt liegt, hängt von der Gewöhnung ab und lässt sich mit der Zeit verschieben.
Spürt man die CO2-Toleranz im Alltag?
Ja, sie zeigt sich in ganz gewöhnlichen Augenblicken. Geht jemand eine Treppe hoch und atmet oben rasch wieder ruhig, verträgt er den Anstieg gut. Bei einem anderen reicht schon ein langer Satz, und er schnappt nach Luft, weil er ohnehin viel und flach atmet. Auch beim Tragen der Einkäufe oder beim Bücken fällt kurz mehr Kohlendioxid an, und der Körper holt es mit ein paar tieferen Zügen wieder heraus. Ablesen lässt sich daran nichts. Es sind alltägliche Momente, in denen der Atem kurz aus dem Takt gerät und von selbst zurückfindet. Wie schnell er das tut, fällt bei jedem etwas anders aus.
Warum atmet man unter Anspannung flacher und schneller?
Unter Anspannung schaltet der Körper von selbst auf schnelle, flache Atmung in den oberen Brustkorb um. Das ist eine alte Reaktion: Wer sich bedroht fühlt, macht sich bereit, und dazu gehört mehr Luft. Nur folgt heute auf die Anspannung meist keine Bewegung, kein Laufen, kein Heben. Die schnelle Atmung bläst dann mehr Kohlendioxid aus, als anfällt, und der Anteil im Blut sinkt. Daher das flaue Gefühl, das viele aus angespannten Minuten kennen: die Enge in der Brust, das Kribbeln in den Fingern, die innere Unruhe. Es ist harmlos und vergeht, sobald die Atmung wieder ruhig wird. Wer in solchen Momenten bewusst langsamer und tiefer atmet, bringt den Wert von selbst zurück ins Lot.
Lässt sich ruhiges Atmen üben?
Ja, ruhiges und langsames Atmen lässt sich üben, so wie sich eine Bewegung üben lässt. Wer regelmäßig langsamer atmet, lässt das Kohlendioxid ein wenig ansteigen und gewöhnt den Körper an diesen höheren Stand. Mit der Zeit springt der Atemdrang später an, und ruhiges Atmen fällt auch dann leichter, wenn man nicht darauf achtet. Sängerinnen, Blasmusiker und Schwimmer kennen das, ohne es eigens zu üben: Ihr Fach verlangt langes, geführtes Ausatmen, und ihr Körper hat sich an den höheren Stand längst gewöhnt. Nötig ist dafür wenig: ein paar Minuten am Tag, in denen die Ausatmung länger dauert als die Einatmung und die Luft ruhig durch die Nase strömt. Das dient der Entspannung und der Konzentration; ein Kunststück ist es nicht. Wer es über Wochen tut, atmet im Alltag ruhiger, ohne es zu steuern.
Was hat die Nase mit ruhigem Atmen zu tun?
Durch die Nase strömt die Luft langsamer und in kleinerer Menge als durch den offenen Mund. Die engen Wege bremsen den Strom, und das allein hält die Atmung tiefer und gleichmäßiger. Wer durch den Mund atmet, holt leicht mehr Luft, als der Körper braucht, und bläst dabei zu viel Kohlendioxid aus. Durch die Nase geschieht das seltener. Dazu kommt, dass die Nase die Luft anwärmt und anfeuchtet, ehe sie die Lunge erreicht; der Weg durch den offenen Mund lässt das aus. Der schmale Strom gibt der Atmung außerdem einen ruhigeren Takt, weil jeder Zug ein wenig länger dauert. Darum ist ruhiges Atmen fast immer Nasenatmung, und die schnelle, flache Atmung unter Anspannung geht oft mit offenem Mund einher. Für den Alltag heißt das wenig mehr, als bei ruhiger Gelegenheit den Mund zu schließen und die Nase machen zu lassen.
Grenzen
Dieser Text beschreibt die Atmung und das ruhige Atmen als Übung für Entspannung und Konzentration. Er ist keine Antwort auf ein Beschwerdebild. Wer schlecht Luft bekommt oder wer beim Atmen einen Druck oder Schmerz in der Brust spürt, gehört ärztlich abgeklärt; Die CO2-Toleranz beschreibt den Atemdrang. Sie sagt etwas darüber, wie der Atemdrang anspringt, und sonst nichts. Aus einem früh anspringenden Drang lässt sich keine Erkrankung ablesen, und dieser Text zieht diesen Schluss an keiner Stelle.
Unsere Einschätzung
Über die Atmung lässt sich das Nervensystem unmittelbar erreichen, willentlich und sofort. Kaum etwas sonst im Körper lässt sich so einfach von Hand steuern und wirkt dabei zugleich auf den Grundzustand, in dem man sich befindet. Langsames Atmen holt den Körper aus der Anspannung, schnelles treibt ihn hinein. Für jemanden, der abnehmen will, ist das kein Randthema. Ein Körper, der über Wochen im Alarm steht, geht anders mit Hunger und mit Einlagerung um als einer, der zur Ruhe kommt. Die Atmung ist eine der wenigen Schrauben, an denen man von sich aus drehen kann, und sie sitzt weit oben in der Kette, dort, wo sich entscheidet, ob etwas bleibt. Das Schnelle, das man an der Tür sieht, ist der Anfang. Ruhiger zu atmen macht schlank niemanden. Es ändert den Zustand, aus dem heraus alles andere leichter oder schwerer fällt.
Häufige Fragen
Ist eine hohe CO2-Toleranz gesünder?
Sie beschreibt, wie der Atemdrang anspringt. Sie beschreibt nur, wie früh der Atemdrang bei steigendem Kohlendioxid anspringt. Wer ruhig atmet, dem fällt langsames Atmen leichter, mehr sagt der Wert nicht aus.
Bekomme ich zu wenig Sauerstoff, wenn ich langsamer atme?
Nein, das Blut ist auch in Ruhe schon fast vollständig mit Sauerstoff beladen. Langsames, ruhiges Atmen ändert daran wenig. Der Drang, den man dabei spürt, kommt vom steigenden Kohlendioxid und meldet keine Sauerstoffnot.
Kann man die Luft gefährlich lange anhalten?
Im Alltag nicht, weil der Atemdrang lange vor jeder Gefahr so stark wird, dass man von selbst wieder einatmet. Der Körper zwingt den Atemzug rechtzeitig herbei. Anders liegt es unter Wasser oder unter Zwang; dort ist Vorsicht geboten, und das Anhalten hat mit einer Übung nichts zu tun.
Warum atme ich manchmal von selbst tief durch oder seufze?
Ein tiefer Atemzug zwischendurch entfaltet die Lunge wieder und stellt den Takt neu ein. Das geschieht von allein, oft ohne dass man es merkt. Es ist ein gewöhnlicher Vorgang.
Ist Atmen durch den Mund schlecht?
Schlecht ist es nicht, aber durch die Nase atmet man meist langsamer und gleichmäßiger. Bei Anstrengung öffnet fast jeder den Mund, weil mehr Luft gebraucht wird, und das hat seinen Sinn. In Ruhe hält die Nasenatmung die Atmung eher tief und den Kohlendioxid-Wert gleichmäßig.
Muss man im Alltag ständig auf die Atmung achten?
Nein, das ist weder nötig noch hilfreich. Ein paar ruhige Züge zwischendurch richten den Takt neu aus, mehr verlangt es nicht. Wer dauernd auf den Atem achtet, macht ihn eher unruhig; der Körper stellt ihn von allein passend ein, sobald man ihn lässt.